Historie
„Nichts Neues außer 'Abortive Gasp'“ porträtiert die kontroverse Hamburger Electro-Industrial-Band Abortive Gasp (1987–1989). Gegründet von Harry Luehr (Instrumente) und Tim Paal (Gesang) mit wechselnden Gästen, zeichnete sie hoher Improvisationsanteil aus – untypisch für die Elektronik-Szene. Der Stil vermischte frühen Dub, Persiflagen auf Front 242/Ministry und ironisch-anarchische Elemente. Als „Hamburger Bunker Band“ (neben Girls Under Glass) spielte sie in Clubs wie Kir oder Stairways nahe dem Schanzenviertel-Flakbunker – Zuflucht vor Szene-Anfeindungen.
Der Name „Abortive Gasp“ (antinatalistisch assoziiert) provozierte Dauerdebatten als Angriff auf Familienmodelle, obwohl die Band nie explizit zu Abtreibung Stellung nahm. Harry Luehr rückblickend: „Der Name kann Programm sein, war aber eher vage Vorwegnahme späterer Lebenswege.“ Kinderlosigkeit galt Ende 80er als Scheitern, heute ist sie normal (Karriere, Haustiere, freie Sexualität).
Die explizit unpolitische Haltung („We don't need any moral standards!“ – Luehr) isolierte sie im linken Hamburger Indie-Milieu; internationale Unterstützer (Don Campau, Brian Duguid) waren offener. 1989 endete alles: Letzter Gig als Support für Borghesia im Kir. „Ende, aus, vorbei … Abbruch gelungen.“
Das Feature kontrastiert die damalige Tabubruch-Offenheit (Skinny Puppy, Marilyn Manson als subversiv gefeiert) mit heutiger Sensibilität: Kreative Provokation nur noch mit „sauberer“ politischer Haltung möglich – genau das, was Abortive Gasp ablehnte. Es beleuchtet Linkswandel (Staatsversöhnung), Lustfeindlichkeit in progressiven Kreisen und warum apolitisch-provozierende Kunst heute – besonders in Gothic/Darkwave – kaum mehr zieht.
Dies ist die deutsche Version als erstes Kapitel; danach folgt die englische Ergänzung („Nothing New But 'Abortive Gasp'“).
© 2026 Ludwig Kamberlein (Lydbog): 9798240097256
Udgivelsesdato
Lydbog: 26. februar 2026