Als der alte Fahrenbach, der eine zunächst kleine Firma im Weinanbau und -vertrieb errichtet und im Laufe der Jahre zu einem bedeutenden Familienunternehmen erweitert hat, das Zeitliche segnet, hinterlässt er ein ziemlich seltsames Testament. Drei seiner Kinder scheinen Grund zur Freude zu haben, Frieder als neuer Firmenchef, Jörg als Schlossherr und Grit als Villenbesitzerin.
Bettina stand staunend vor den einladend dekorierten Schaufenstern einer exklusiven Nobel-Boutique. Es war doch verrückt! Der Winter hatte noch nicht einmal richtig angefangen, und alle Fenster waren mit der neuesten Frühjahrsmode bestückt. In einem der Fenster befanden sich zauberhafte Teile in allen abgestuften Fliedertönen, die wohl dem Lila des Winters folgten, an das die Frauen sich als neue Modefarbe gerade erst einmal gewöhnt hatten. Im nächsten Fenster war alles leuchtend gelb, das nächste in edlem Silber, kombiniert mit kühlem weiß. Die danach folgende Dekoration war so ganz nach Bettinas Geschmack – Leinen von Natur bis zu sanften Brauntönen. Eine Kombination gefiel ihr besonders gut – ein Zweiteiler, bestehend aus einem raffiniert geschnittenem schwingendem Rock mit einer kürzeren Jacke mit sehr schönen Perlmuttknöpfen in einem dezenten Naturton. Der Preis ließ sie zwar ein wenig schlucken, aber dennoch, wenn jetzt Frühjahr wäre und sie das Kostüm anziehen könnte, ja, da konnte sie sogar schwach werden. Aber im Winter? Sie überlegte sich ja gerade noch, ob sie sich noch einen Rollkragenpullover kaufen sollte, weil sie den noch ganz gut brauchen konnte. Aber etwas zum Anziehen nur für den Schrank? Sie wusste doch noch nicht einmal, ob ihr dann dieses Teil, das jetzt ihre Begehrlichkeit erweckte, dann noch gefallen würde. Was dachten sich die Modeleute eigentlich dabei? Na ja, es musste schon Frauen geben, die jetzt in derartige Geschäfte stürmten und sie plünderten, aus Angst, es könne vielleicht später nichts mehr geben. Zu denen gehörte sie auf jeden Fall nicht, und sie kannte auch niemanden, der so verrückt war. Sie kaufte in erster Linie bedarfsorientiert, zog also los, wenn sie sich für einen bestimmten Anlass etwas kaufen wollte, eher selten tätigte sie diese sogenannten Lustkäufe, wenngleich sie sich davon aber auch nicht freisprechen konnte, dafür war sie wohl zu sehr Frau. Früher hatte sie öfter mal einen Schaufensterbummel gemacht und hatte sich das eine oder andere überflüssige Teil gekauft. Seit sie auf dem Fahrenbach-Hof lebte, hatte sie nicht mehr die Zeit dazu, auch nicht die Lust, und das Geld tat ihr für solche Ausgaben einfach leid, weil sie sich immer vor Augen führte, was sie für das Geld alles kaufen konnte, und ihr waren Fliesen für ein neues Badezimmer augenblicklich lieber als ein Fummel, in dem sie vielleicht verführerisch aussah. Na ja, jetzt wusste sie wenigstens, was »Frau« im nächsten Frühjahr trug.
© 2026 Blattwerk Handel GmbH (E-bog): 9783693710654
Udgivelsesdato
E-bog: 19. maj 2026
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