Als der alte Fahrenbach, der eine zunächst kleine Firma im Weinanbau und -vertrieb errichtet und im Laufe der Jahre zu einem bedeutenden Familienunternehmen erweitert hat, das Zeitliche segnet, hinterlässt er ein ziemlich seltsames Testament. Drei seiner Kinder scheinen Grund zur Freude zu haben, Frieder als neuer Firmenchef, Jörg als Schlossherr und Grit als Villenbesitzerin.
Bettina Fahrenbach saß, innerlich noch vollkommen aufgewühlt, an ihrem Schreibtisch. Aber es war auch so unglaublich gewesen. Sie hatte sich geradezu verzweifelt Jan herbeigesehnt, und prompt war sein Anruf erfolgt. Er tourte irgendwo in der Weltgeschichte herum, sehr beschäftigt, und dennoch hatte er ihren stummen Hilferuf vernommen, gespürt, dass sie ihn brauchte. Ja, Jan van Dahlen war wirklich ihr Fels in der Brandung. Auf ihn konnte sie sich verlassen, er hörte ihr zu, hatte gute Ratschläge, und er, und das war das Allerwichtigste, er liebte sie! Nach dem Telefonat mit Marcel war sie vollkommen aufgelöst gewesen, aber Jan hatte sie wieder aufgebaut und er hatte, was das Schönste war, versprochen, mit ihr nach Frankreich zu reisen. Das würde alles um vieles leichter machen. Natürlich konnte Jan ihr die Entscheidung nicht abnehmen, aber mit ihm konnte sie sich beraten, und in seine Arme konnte sie sich flüchten, wenn es für sie zu arg wurde. Bettina hatte es immer wieder hinausgeschoben, verdrängt, aber nun musste sie eine Entscheidung treffen. Es war schon verrückt! Sie hatte Chateau Dorleac geerbt, ein großes, bekanntes Weingut in der Nähe von Bordeaux und wollte das Erbe nicht antreten. Sie seufzte. Es war ja nicht das Erbe, was ihr Kopfzerbrechen bereitete, sondern die Tatsache, dass sie jetzt endgültig akzeptieren musste, dass ihr Bruder Jörg tot war, abgestürzt irgendwo im brasilianischen Niemandsland. Kein Suchtrupp war bis zu der Stelle vorgedrungen, an der man den Absturz vermutete. Jörg war verschollen, und für sie hätte er es auch weiter sein können, denn dann hätte sie sich dem Wunschdenken hingeben können, er sei noch am Leben und wie durch ein Wunder würde er doch noch auftauchen. Dabei hatte sie längst seine Todesurkunde in Händen, ihr Bruder Frieder hatte es ja eilig gehabt, dieses Dokument zu besorgen, weil er so wild hinter der zweiten Testamentseröffnung ihres Vaters hergewesen war. Freilich, diese Mühe hätte er sich sparen können, denn von dem Kuchen, von dem er sich ein großes Stück erhofft hatte, war für ihn nichts vorgesehen gewesen. All die Millionen, die er erhalten hätte, wenn es ihm gelungen wäre, das Weinkontor ordentlich zu führen, waren jetzt an die Hermann-Fahrenbach-Stiftung gegangen, die sich um Kinder und Jugendliche kümmerte, die aus sozial schwachen Familien kamen, um denen einen ordentlichen Schulabschluss zu verschaffen und sie auch studieren zu lassen. Auch Grit war leer ausgegangen, und Jörgs Anteil war auch verwirkt, und sie hatte freiwillig verzichtet.
© 2026 Blattwerk Handel GmbH (E-bog): 9783693711286
Udgivelsesdato
E-bog: 2. juni 2026
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