Als der alte Fahrenbach, der eine zunächst kleine Firma im Weinanbau und -vertrieb errichtet und im Laufe der Jahre zu einem bedeutenden Familienunternehmen erweitert hat, das Zeitliche segnet, hinterlässt er ein ziemlich seltsames Testament. Drei seiner Kinder scheinen Grund zur Freude zu haben, Frieder als neuer Firmenchef, Jörg als Schlossherr und Grit als Villenbesitzerin.
Bettina versuchte, tief und gleichmäßig zu atmen, um sich zu beruhigen, sie wollte ihren zitternden Körper unter Kontrolle bekommen. Nichts davon wollte ihr gelingen. Sie war doch nicht verrückt! Hatte sie Halluzinationen, irgendwelche Erscheinungen, weil sie sich so beharrlich weigerte, zu akzeptieren, dass Jörg tot war, mit dem Flugzeug abgestürzt, mit der Folge, dass ihre Fantasie ihr einen Streich spielte und ihr, mitten am Tag, vorgaukelte, Jörg sei am Leben, hier auf dem Fahrenbach-Hof, nur wenige Meter von ihr entfernt? »Bettina, um Himmels willen, was ist los mit dir?«, erkundigte Linde sich mit angstvoll klingender Stimme, weil sie ihre Freundin so noch niemals zuvor erlebt hatte und sie sich auch nicht erklären konnte, was da geschehen war. Vor wenigen Minuten war sie doch noch ganz normal gewesen, hatte sie ganz gehörig zusammengestaucht, und nun dieses zitternde Etwas. Wie aus weiter Ferne vernahm Bettina Lindes Stimme, sie versuchte, vorsichtig ihre Augen zu öffnen, mit der Folge, dass ein erneuter Schauder ihren Körper durchfuhr. Doch dann kam Leben in sie. Es war keine Sinnestäuschung, sie hatte sich nicht vertan, wer da lächelnd auf sie zukam, war keine Erscheinung, es war wirklich ihr Bruder Jörg. Er lebte, er war nicht tot. Sie hatte sich nicht geirrt, tief in ihrem Inneren hatte sie es immer gewusst. Sie lachte und weinte gleichzeitig, dann rannte sie los, in die ausgebreiteten Arme ihres Bruders, der seinen Rucksack achtlos auf den Boden geworfen hatte, um Bettina auffangen zu können. »Jörg … Jörg«, schluchzte sie, »du lebst.« Sie krallte sich an ihm fest, als müsse sie sich vergewissern, dass er wirklich ein Mensch aus Fleisch und Blut war. Er strich ihr beruhigend über den bebenden Rücken. »Hey, kleine Schwester, du musst doch nicht weinen«, versuchte er sie zu beruhigen. Aber das half nichts, bei Bettina waren auf einmal alle Schleusen offen.
© 2026 Blattwerk Handel GmbH (E-bog): 9783693712160
Udgivelsesdato
E-bog: 7. juli 2026
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