Als der alte Fahrenbach, der eine zunächst kleine Firma im Weinanbau und -vertrieb errichtet und im Laufe der Jahre zu einem bedeutenden Familienunternehmen erweitert hat, das Zeitliche segnet, hinterlässt er ein ziemlich seltsames Testament. Drei seiner Kinder scheinen Grund zur Freude zu haben, Frieder als neuer Firmenchef, Jörg als Schlossherr und Grit als Villenbesitzerin.
Bettina starrte auf das Bündel in ihrem Arm und glaubte, jeden Augenblick aus einem Traum erwachen zu müssen. Doch es war kein Traum, was sie da im Arm hielt, war ein menschliches Wesen, ein Baby, das jetzt, da es menschliche Nähe spürte, nicht mehr weinte. Und es war auch kein Scherz. Jemand hatte ihr das Baby ganz gezielt vor die Tür gelegt, das Bettina hieß und auf dem Fahrenbach-Hof leben sollte. Es musste jemand hingelegt haben, der sie kannte, offensichtlich auch mochte. Niemand würde sein Kind nach jemandem benennen, der unsympathisch war. Und der Fahrenbach-Hof schien dieser Person auch bekannt zu sein. Alles schön und gut. Man legte aber ein Baby nicht einfach so ab, wie man einen Korb mit Obst oder Gemüse vor eine Tür stellte. Bettina war vollkommen verwirrt, vor allem, was wäre denn passiert, wenn sie nicht zu ihrem Haus gegangen wäre, wenn sie nicht auf ihre innere Stimme gehört hätte? Hätte das Baby dann stundenlang vor ihrer Haustür gelegen? Der Fahrenbach-Hof lag schließlich an keiner Durchgangsstraße, und die Hofbewohner waren auch nicht ständig unterwegs, zumal deren Häuser auch weiter oben lagen. Bettina starrte auf das Baby. Es sah niedlich aus und hatte feine Gesichtszüge, ein winziges Näschen und einen hübsch geschwungenen Mund, die Augenfarbe war nicht zu erkennen, weil es wieder schlief, und von Haaren war auch nichts zu sehen, weil ein cremefarbenes Mützchen tief in das Gesichtchen gezogen war. Das Baby machte einen gepflegten Eindruck, umso mehr wunderte sie sich darüber, dass es so einfach abgelegt worden war. So etwas machte man doch nicht. Noch vollkommen durcheinanderlief sie bis zum Parkplatz, im Grunde genommen aber ohne jede Hoffnung, dort jemanden zu finden. Gerade, als sie wieder zurückgehen wollte, kam ein Auto den Weg hochgefahren. Es war Toni. Er parkte, stieg aus.
© 2026 Blattwerk Handel GmbH (E-bog): 9783693711323
Udgivelsesdato
E-bog: 30. juni 2026
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